„Der Weckruf ist angekommen“
Oberkochen. Rustikal ist die Scheerermühle, es gibt Weizenbier und Wurstsalat. Die Junge Union ist mit 30 Wahlhelfern in orangenen Leibchen präsent. Die Basis wartet gespannt auf den Auftritt von Roderich Kiesewetter. Nach dem bislang eher ruhigen Wahlkampf und auch in der Zeitung geäußerter Kritik am fehlenden Profil der Kandidaten sagt der Oberst: „Der Weckruf ist angekommen, die Zeit des Zögerns und Zauderns ist vorbei.“
Und dann legt er einen Auftritt hin, der selbst alte Hasen ins Staunen bringt. Vorbei ist es mit „Einfach netter, Kiesewetter“, jetzt wird klare Kante gezeigt. In der CDU-Keimzelle Oberkochen, der Heimat von Georg Brunnhuber, gibt er ein selbstbewusstes Bekenntnis ab. „Hier in der Region ist der Mittelstand, hier ist das Herz der Industrie Deutschlands“, ruft er. Die CDU sei die einzige Volkspartei, die den ländlichen Raum ernsthaft vertrete.
Gut an kommt der Appell an das Selbstbewusstsein. „Wir sind eine konservative Partei, wir stehen für Heimat, Bildung und Arbeit“, sagt er. Und für die soziale Marktwirtschaft. „Wer arbeitet, muss mehr verdienen als jemand, der nicht arbeitet“, fordert er. Aber es gelte das christliche Weltbild, das es gebiete, den Schwachen zu helfen. Die Fleißigen arbeiten lassen, und die Schwachen unterstützen, damit grenzt er sich auch von der „Managerpartei“ FDP ab. Schwarz-Gelb will er, aber zunächst will er die CDU-Wähler davon abhalten, mit einer liberalen Zweitstimme zu liebäugeln.
Ganz konzentriert ist Kiesewetter bei seinem Vortrag. Er redet frei, schaut nur gelegentlich auf die Notizen. Mehr Ehrlichkeit verspricht er, auch im Einsatz für den Ausbau der B 29 von Pflaumoch bis Mögglingen. Nach der Hälfte der Rede lässt er das Rednerpult los, ballt die linke Hand mal zur Faust, redet sich frei. Sein Medienberater Stefan Küchler registriert zufrieden, wie der Saal mitgeht.
Besonders, wenn er den politischen Gegner angreift. „Die SPD kupfert meine Ideen ab, aber hier steht das Original, hier steht Kiesewetter“, ruft er. Die SPD und die Linken seien nicht die Vertreter der sozialen Marktwirtschaft, sondern nur die CDU. Die SPD sei ausgelaugt und ideenlos. Das kommt an.
„Es muss ein Ruck durch die Partei gehen“, ruft er, und wird dann minutenlang gefeiert. Kiesewetter scheint selbst überrascht über die Wirkung seiner Rede, schaut zufrieden in die Menge. Erst nach einigen Momenten erlaubt er sich eine Geste, mit denen Politiker für gewöhnlich Siegessicherheit demonstrieren und ballt die Fäuste über dem Kopf. Es gibt rhythmischen Beifall, die Partei klatscht sich in Wahlkampfstimmung. „Eine tolle Rede hast du gehalten“, lobt Winfried Mack.
Und auch Thomas Strobl, der Generalsekretär der Landes-CDU und eigentlicher Hauptredner, ist beeindruckt. „Bislang hatte ich das Gefühl, der Wahlkampf hat noch gar nicht begonnen“, sagt er, „bis heute Abend.“ Wenn die Stimmung überall so gut sei wie in Oberkochen, dann sei ihm um den Wahlausgang nicht bang. Er lobt Kiesewetter ausdrücklich: „Er ist ein klasse Nachfolger für Georg Brunnhuber.“
Strobl hält eine eher moderate, teilweise fast philosophische Rede, wie man sie eher von Kiesewetter erwartet hätte. Sein Tonfall erinnert an Wolfgang Schäuble. „Die SPD denkt in großen Einheiten, wir setzen auf den einzelnen Menschen, die Familien, die Kommunen, erst dann auf den Staat“, sagt er. Die CDU vertrete ein Weltbild der Freiheit, der Grenzen gesetzt würden. Die SPD habe kein Konzept und greife daher Merkel und Guttenberg persönlich an. Man merkt: Die heiße Phase hat nun begonnen.