Auf Einladung des Kreisverbands Ostalb und des Stadtverbands Oberkochen, war Kultusminister Helmut Rau am 19. November zu Gast in Oberkochen. Nach dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, referierte der Minister im Bürgersaal zu bildungspolitischen Themen.
Im „geografischen Zentrum der Region und dem Zentrum der Photonikindustrie“, hatte Bürgermeister Peter Traub den Gast aus Stuttgart willkommen geheißen. Zahlreiche prominente Gäste, darunter Georg Brunnhuber MdB, Kreisvorsitzender Norbert Barthle MdB, Winfried Mack MdL und Landrat Klaus Pavel, ließen es sich nicht nehmen, beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Oberkochen zugegen zu sein.
Im Bürgersaal, besetzt mit interessierten Kreisräten, Bürgermeistern, Rektoren, Lehrern und Eltern schulpflichtiger Kinder, referierte Kultusminister Rau sodann über das Thema Was ist das Beste für unsere Kinder – Bildungspolitik und Berufschancen.
„Was mich ärgert ist, dass die Strukturdebatte zu oft mit der inhaltlichen Diskussion vermischt wird“, so der Minister und nahm zuerst zur Strukturdebatte Stellung. Würde man die Haupt- und die Realschule zusammenlegen, müssten mindestens dreizügige Einheiten entstehen, sonst sei eine vernünftige Differenzierung nicht möglich. Die Folge – 50% der kleinen, ländlichen Schulen müssten geschlossen werden. „Da würde ich die betroffenen Bürgermeister mal hören wollen“, so Rau und leitet mit „Kein Kind darf verloren gehen“ zur inhaltlichen Diskussion über. Diese Maxime erfordere jedoch ein enges Zusammenspiel von Elternhaus und Schule sowie eine qualifizierte Kooperation mit dem Kindergarten. „Denn ein Kindergarten ist heutzutage bereits eine Bildungseinrichtung. Nicht umsonst wurde die Kompetenz der Kindergärten vom Sozial- ins Bildungsministerium verlegt. Ich möchte die gemeinsame Lernzeit verlängern“, führte der Kultusminister aus, “und zwar sollen Kinder vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr gemeinsam unterrichtet werden.“ An diesem Modellversuch mit Namen „Bildungshaus 3-10“ sind landesweit 20 Einrichtungen beteiligt, darunter auch der Ostalbkreis mit der Grundschule Schlossberg und dem Kindergarten Pusteblume.
Auch zur Hauptschule nahm der Minister Stellung, „denn die wird in der Öffentlichkeit viel schlechter dargestellt als sie in Wirklichkeit ist.“ Gehe die Konjunktur nach unten, werden die Ausbildungsplätze weniger. Das treffe die Hauptschüler natürlich als erste. Dank umsichtiger Politik steige die Konjunktur und die Bereitschaft neue Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen, wachse wieder. „So sind die Bewerber ohne Lehrstelle gegenüber dem Vorjahr um 70% zurückgegangen“, berichtete Rau. Um den Hauptschülern eine noch bessere Chance am Arbeitsmarkt zu verschaffen, werde in den Klassen 5 und 6 mehr Unterrichtszeit in Mathematik und Deutsch verwandt und in den Klassen 7 und 8 das Projekt „Schub“ (Schule und Betrieb) forciert, bei denen die Schüler Praxiserfahrung in Betrieben sammeln können. „Ich beobachte den Trend vieler Firmen, sich wieder für Facharbeiter mit Hauptschulabschluss zu interessieren, während früher dieselben Schüler angeblich viel zu schlecht vorgebildet gewesen sind“, so der Kultusminister.
Helmut Rau ist sich sicher, dass die Evaluation (=Rechenschaftslegung) an Schulen für inhaltliche Qualität sorgen wird. So müssen Schulen Ziele formulieren, erklären mit welchen Mitteln und bis wann diese Ziele erreicht werden sollen und schließlich den Stand der
Zielerreichung darlegen. Dies wird durch Selbstevaluation (= jede Schule für sich selbst) aber auch durch Fremdevaluation (= externe, speziell geschulte Pädagogen) erreicht.
Auf die Nachfrage von Eltern, dass speziell auf den Gymnasien viele Stunden wegen Lehrermangels entfallen würden, musste der Minister Engpässe in der Lehrerversorgung, speziell im Bereich Physik, Mathematik und Latein, einräumen. „Trotz intensiver Beratung haben die Lehramtsanwärter einfach das Falsche studiert“, stellt er fast resignierend fest, “und ich kann niemanden vorschreiben, an welcher Schule er oder sie unterrichten muss.“ Da fragt sich wohl mancher Zuhörer wie so etwas, bei einem Beruf der (noch) beamtet ist, möglich sein kann!?
Doch wie sieht die schulische Zukunft im ländlichen Raum und damit auch im Ostalbkreis aus? Haupt- und Realschule werden wohl in Schulverbünden kooperieren müssen. Der Erhalt von zu kleinen Schulen gehe zu Lasten optimaler Bildung, prognostiziert Rau. Ebenso werden langfristig auch die Schulbezirke (= keine Wahlmöglichkeit bei Grund- und Hauptschulen) fallen. Die wohl brennendste Frage des Abends formulierte Landrat Klaus Pavel: “Darf der Ostalbkreis sein Schulamt behalten, wenn diese wieder aus den Landkreisverwaltungen ausgegliedert und gleichzeitig auf 16 reduziert werden?“ Welcher Landkreis zum Zuge kommt, wollte der Minister an diesem Abend nicht sagen – nimmt aber Pavels Bitte mit nach Stuttgart, dass auf der Ostalb als Kreis mit der größten Fläche, die Schulwege weit und gute Arbeit wichtig seien.
Abschließend bedankte sich Kreisvorsitzender Norbert Barthle MdB bei Minister Helmut Rau für seine interessanten Ausführungen und dass er hier und heute Rede und Antwort gestanden habe. Ebenso dankte er dem Stadtverband Oberkochen, allen voran Vorsitzendem Bruno Balle, für die Organisation der Veranstaltung. „Ich weiß, dass der Stadtverband Oberkochen gut aufgestellt und ein sehr engagiertes und wichtiges Standbein für die CDU im Ostalbkreis ist.“
Uwe Paap
Pressesprecher
Stadtverband Oberkochen