Kultusminister Helmut Rau zu Gast im Bürgersaal – Hauptschule als zentrales Thema

Gemeinsame „Lernzeit“ verlängernArtig war dieser Empfang, gelassen die Stimmung. Rektoren und Kultusminister kamen sich bei Sekt und Orangensaft nicht wirklich näher. Man blieb unter sich. Hier die Politik, dort die Schule. Doch gab der Gast aus Stuttgart auf alle Fragen eine Antwort – manchmal eine fast nichtssagende, manchmal eine sehr lange und eher selten eine ganz direkte. Minister Helmut Rau war in Oberkochen. Thema waren Bildung, Hauptschule und Chancen von Jugendlichen.


Von Anke Schwörer-Haag

Die "Regierungsbank" beim Empfang (v.l.): Bundestagsabgeordneter Georg Brunnhuber, Minister Helmut Rau, Bürgermeister Peter Traub, Bundestagsabgeordneter Norbert Barthle, Landtagsabgeordneter Winfried Mack, Bruno Balle. (Foto: hag)

Oberkochen Im „geografischen Mittelpunkt der Region“ hatte Bürgermeister Peter Traub den Minister willkommen geheißen und ihm als Gastgeschenk einen Krug überreicht – auf dass er sich selber reinen Wein einschenke. Das wird Helmut Rau wohl auch machen müssen, denn kritische Themen wurden an diesem Abend höchstens angedeutet. Unter Insidern ist man sich offenbar einig.
Landrat Klaus Pavel formuliert die einzig wirklich brennende Frage: „Darf der Ostalbkreis ein Schulamt behalten, wenn diese wieder aus den Landkreisverwaltungen ausgegliedert und gleichzeitig auf 16 reduziert werden. Da räumt der Minister ein, dass er die „Herrschaft“ über die Schulverwaltung gerne wiederhaben wollte – versüßt das aber mit einem Kompliment: „Wenn es überall so gut gelaufen wäre wie bei Ihnen, hätte ich das wahrscheinlich nicht gemacht.“ Und er versichert, die positive Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schulämtern solle Bestand haben. Welcher Landkreis bei 16 Standorten zum Zuge kommt, will Helmut Rau nicht sagen – nimmt aber Pavels Bitte mit nach Stuttgart, dass auf der Ostalb als größtem Flächenlandkreis die Wege weit und gute Arbeit wichtig seien.
Man wechselt vom Empfang ins Plenum – den Bürgersaal des Rathauses Oberkochen, wo sich inzwischen die (fast) komplette Kreistagsfraktion der CDU sowie einige interessierte Pädagogen und Elternvertreter eingefunden haben. Was ihn ärgert, sagt der Minister da: Es werde zu oft die Strukturdebatte mit der inhaltlichen Diskussion vermischt. Zuerst bezieht er Stellung zur Strukturfrage: Würde man, wie zurzeit oft gefordert, die Haupt- und die Realschule zusammenlegen, müssten mindestens dreizügige Einheiten entstehen – sonst sei eine Differenzierung nicht möglich. Die Folge: 50 Prozent der Schulen im ländlichen Raum müssten geschlossen werden. „Da würde ich die Bürgermeister hören wollen“, kommentiert der Minister und formuliert dann sein Motto für die inhaltliche Diskussion: „Kein Kind darf verloren gehen.“ Das erfordere ein enges Zusammenwirken von Schule und Elternhaus und eine qualifizierte Kooperation mit den Kindergärten. Deshalb will der Minister nicht die gemeinsame Schulzeit verlängern, sondern die gemeinsame Lernzeit: vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr sollten Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Eine Idee, die Ostalb-Schulamtsleiterin Ursula Stock schon beim Empfang ausdrücklich begrüßt hat.
Die Qualität der Schule, über diese Grundausbildung hinaus, will der Minister gerne an den Übergangserfolgen ins Berufsleben messen. „Die Hauptschule abzuschaffen, löst die Probleme der Schülerinnen und Schüler nicht“, versichert er. Dass es der Wirtschaft auch darum nicht wirklich geht, belegt er mit der Beobachtung, dass viele Firmen sich zurzeit wieder für Facharbeiter mit Hauptschulgrundausbildung interessierten, während in früheren Zeiten dieselben Schüler angeblich viel zu schlecht vorgebildet gewesen seien.
Helmut Rau ist sicher, dass die vorgeschriebene Selbstevaluation an Schulen und die anschließende Fremdevaluation für inhaltliche Qualität sorgen. Internationale Studien dagegen müsse man lesen können, relativiert er und kritisiert, dass das erfolgreiche deutsche duale Berufsausbildungssystem international nicht in Vergleiche einbezogen werde.
Und sein Blick auf die schulische Zukunft im ländlichen Raum? Haupt- und Realschule werden wohl in Schulverbünden kooperieren. Der Erhalt von zu kleinen Schulen gehe zu Lasten einer optimalen Bildung, warnt Rau. Und er rechnet damit, dass die Schulbezirke langfristig verschwinden – auch wenn sie als Planungsinstrument für die Gemeinden hilfreich sind, weil diese ja zur Daseinsvorsorge verpflichtet seien.
Die Nachfrage von Eltern lenkt den Blick zum Schluss noch aufs Gymnasium. Hier muss der Minister einräumen, dass es in der Lehrerversorgung zurzeit extreme Engpässe gibt. Vor allem in Physik, Mathematik oder Latein fehlten Lehrer – besonders im ländlichen Raum, wohin man die mögliche Anwärter nicht zwingen könne. „Trotz intensiver Beratung haben die Lehramtsanwärter einfach das Falsche studiert“, stellt er fast resignierend fest.
Gastgeber Bruno Balle dankt als Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes Oberkochen. CDU-Kreisvorsitzender Norbert Barthle moderiert und beschreibt aus eigener Erfahrung, welch gute Bildungsarbeit in der Hauptschule geleistet werde.
© Schwäbische Post 21.11.2007